Angedacht
»Da müsste doch noch mehr sein«
»Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben – und es in Fülle haben.« (Johannes 10,10), so lautet es im Monatsspruch für diesen August. Liebe Leserinnen und Leser, es ist ein ganz normaler Dienstag. Der Wecker klingelt zu früh. Schnell ein Kaffee, ein Blick aufs Handy, Termine im Kopf sortieren. Der Tag läuft – Arbeit, Besorgungen, Gespräche, vielleicht noch schnell einkaufen. Abends sinkt man aufs Sofa und fragt sich: War das heute eigentlich schon alles? Alles geschafft. Und trotzdem nicht wirklich »gefüllt«. Dieses Gefühl kennen viele. Der Alltag ist voll – aber fühlt er sich auch erfüllt an? Mitten in solche Gedanken hinein klingt dieser Satz Jesu wie ein Kontrastprogramm: »Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben – und es in Fülle haben.« Ein Satz wie ein Paukenschlag. Mitten im Johannesevangelium steht er da – klar, kraftvoll, unüberhörbar. Jesus spricht vom Leben. Nicht vom bloßen Dasein, nicht vom Funktionieren, sondern von Leben in Fülle. Aber was heißt das eigentlich: »Leben in Fülle«? Wenn wir ehrlich sind, haben viele von uns sofort Bilder im Kopf: besondere Momente, schöne Reisen, ein bisschen Abenteuer, Glücksgefühle, Abwechslung vom Alltag, laue Sommerabende auf dem Balkon oder im Garten. Ein Leben, das nicht langweilig ist. Ein Leben, das sich »voll« anfühlt – leicht, bunt, intensiv. Doch dann stolpert man über Martin Luthers Übersetzung. Er schreibt: »…dass sie das Leben haben und volle Genüge.« Volle Genüge. Das klingt ganz anders. Weniger nach Adrenalin, mehr nach Ruhe. Weniger nach »mehr haben wollen«, mehr nach »genug haben«.

Genüge heißt: Es ist genug da. Ich habe, was ich brauche. Wenn ich genauer hinschaue, merke ich: Eigentlich stimmt das oft. Ich habe ein Zuhause. Ich habe zu essen. Ich bin nicht allein. Es gibt Menschen, die mich mögen, die für mich da sind. Vieles, was mein Leben trägt, ist längst da. Und trotzdem: Dieses leise Gefühl bleibt. Da müsste doch noch mehr sein. Noch ein bisschen erfüllter, noch ein bisschen glücklicher, noch ein bisschen… mehr. Warum eigentlich? Das Johannesevangelium gibt eine überraschende Antwort. Es verbindet das »Leben« immer mit einer Person: mit Jesus selbst. »In ihm war das Leben«, heißt es am Anfang. Und am Ende: »Dieses alles ist aufgeschrieben, damit ihr durch den Glauben Leben habt.« Leben in Fülle ist also nicht zuerst eine Frage von Umständen. Es ist eine Frage der Verbindung. Jesus spricht vom guten Hirten. Einer, der seine Schafe kennt, der sie führt, der ihnen Orientierung gibt. Einer, dessen Stimme vertraut ist. Vielleicht liegt genau hier der Schlüssel: Leben in Fülle wächst da, wo ich auf diese Stimme höre. Wo ich mir Zeit nehme, bei seinen Worten »Futter zu holen«. Wo ich mich führen lasse. Dann passiert etwas: Ich werde innerlich freier, gelassener, dankbarer. Und vielleicht entdecke ich plötzlich, dass »volle Genüge« gar nicht nach Mangel klingt – sondern nach einem Leben, das getragen ist. Ein Leben, das schon jetzt erstaunlich reich ist. Ein Leben, das aus dem Rahmen fällt. Und vielleicht ist genau das die Fülle, von der Jesus spricht. Diese himmlische Fülle wünsche ich Euch und Ihnen allen.
Ihr und Euer Pastor Stefan König
