Angedacht

Wandelt sich auch Gott selbst?

 »Für alles gibt es eine Zeit – Zeit für jedes Vorhaben unter dem Himmel« (Prediger 3,1)

 

Geburt und Tod, Aufbruch und Ankommen, Freude und Trauer, Erfolg und Scheitern – das Leben ist von Veränderungen geprägt. Stetiger Wandel prägt unser Leben, ob wir wollen oder nicht.

 

Auch biblische Personen mussten immer wieder neue Wege gehen, sich wechselnden Zeiten aussetzen. Im 2. Buch Mose muss das ganze Volk Israel sich auf den Weg machen – der Auszug aus Ägypten wird als großer Aufbruch ins Ungewisse beschrieben. Ein solcher Neuanfang ist nicht leicht, schon bei den ersten Schwierigkeiten sehnt sich das Volk zurück »nach den Fleischtöpfen Ägyptens«. Mose muss viel Kraft und Gottvertrauen aufbieten, um weiterzukommen auf dem eingeschlagenen Weg. So ein Wandel kann Angst machen Unsicherheit entsteht. Die Israeliten tun merkwürdige Dinge, machen sich goldene Ersatzgötter. Und Gott sieht dieses Desaster und will das Volk nach der Anbetung des goldenen Kalbes verwerfen. Doch Mose verhandelt mit Gott, so kann der Auszug ins gelobte Land schließlich doch weitergehen.

 

Denn auch Gott wandelt sich! In allem Wandel geht der Weg Israels weiter. Josua wird nun Anführer. Gott sagt ihm zu: »Sei stark und mutig! Fürchte dich nicht und hab keine Angst, denn der HERR, dein Gott, ist mit dir« (Josua 1,9). Josua steht hier in einer völlig neuen Lebensphase. Mose ist tot, und nun soll er die Verantwortung übernehmen. Gottes Zusage lautet dabei nicht: Es wird alles leicht werden, sondern sie heißt: »Ich bin mit dir!«

 

Aber wandelt sich auch Gott selbst? Ich verstehe es so, dass Gott beständig und beweglich zugleich ist. Gottes Beständigkeit bedeutet nicht, dass Gott unbeweglich ist. Seine Treue ist beständig genug, um mit uns durch neue Situationen zu gehen. Auch Gott selbst wandelt sich, wenn er sich in seinem Urteil umstimmen lässt: »Da gereute den HERRN das Unheil, das er seinem Volk zugedacht hatte« (2. Mose 32,14), heißt es direkt nach der Herstellung des goldenen Kalbs. Gott lässt sich also umstimmen, lässt Gnade walten.

 

Diese Idee eines sich wandelnden Gottes ist eine auch im Wesen des Christentums verankerte Idee. Gott tritt in die menschliche Geschichte ein und nimmt in Jesus Christus ein menschliches Wesen an. Luther spricht von diesem Wandel in einem Vergleich: »Der Herr wird Knecht, der Knecht ein Herr.« Was für ein Wandel sich hier vollzieht, ist kaum vorstellbar und doch Wirklichkeit.

 

Dieser sich selbst wandelnde Gott ist in all unseren Wandlungen beständig an unserer Seite. Dazu ein Satz aus der Tradition, ein wunderbarer Zuspruch eines baltischen Hausspruchs, der den beständigen Wandel in der Gnade Gottes deutlich macht:

»Wechselnde Pfade, Schatten und Licht – alles ist Gnade, fürchte dich nicht.«

 

Ihr Pfarrer Ralf Prange

Pfarrer Ralf Prange
Pfarrer Ralf Prange