Angedacht

»… und leite mich auf ewigem Wege«

Auf der Schwelle

Bestimmt Gott unsere »Lebensreise«? Gibt Gott vor, was geschieht und wie unsere Jahre verlaufen?

In der Bibel findet sich eine Fülle von »Lebensreisen« – die Geschichten von Menschen mit Gott. Sie werden nicht erzählt wie eine detaillierte Biografie, vom ersten bis zum letzten Atemzug. Sondern es sind ausgewählte Situationen auf dem Lebensweg, die beschrieben werden. Besondere Ereignisse im Leben dieser Menschen, die einerseits eine ganz individuelle Person vorstellen, andererseits aber auch beispielhaft sein können für menschliches Leben überhaupt.

 

Mir kommt David in den Sinn, der große König Israels. Von ihm wird in den Samuelbüchern erzählt. Als jüngster der Söhne Isais wird er in Bethlehem zum König gesalbt. Bis er aber die Nachfolge des Königs Saul antreten kann, hat er noch das ein oder andere Abenteuer zu bestehen. Bekannt ist sein Sieg über den Philister-Riesen Goliath, seine Rücksicht gegenüber dem amtierenden, aber glücklosen Saul und seine Freundschaft mit dessen Sohn Jonathan. Als Saul nach einem erfolglosen Feldzug Selbstmord begeht, wird David zum König. Seine Regentschaft dauert insgesamt 40 Jahre. Berühmt aus dieser Zeit wird die Geschichte seines Ehebruchs mit Batseba (2. Samuel 11), die ihn – obwohl er doch von Gott erwählt ist und bleibt als egozentrischen Sünder präsentiert.

 

Liest man diese sehr ausführlich beschriebene biblische »Lebensreise« (ab 1. Sam. 16), so denkt man an vielen Stellen unwillkürlich: Ja, das musste ja so kommen, weil es Gottes Plan so vorgesehen hat. Gott hat vorgegeben, was dem David geschah. Andererseits gibt es genügend Abschnitte, an denen ganz deutlich wird, dass der Mensch einen freien Willen hat und selbst entscheidet, was er tut. Die Geschichte von Davids Ehebruch schreibt ganz allein ihm selbst die Verantwortung für sein Tun zu. Und so ist es bei den biblischen »Lebensreisen« meist: So, wie die Geschichte erzählt wird, stellt sich manches biografische Ereignis im Nachhinein als göttliche Fügung dar – Gott hat ein bestimmtes Ziel mit diesem Menschen und deshalb passiert dies und das genau nach seinem Plan. Und zugleich ist der Mensch immer frei in seiner Entscheidung. So werden gewisse Situationen geradezu als Widerspruch zum göttlichen Plan herausgearbeitet – siehe die Strafrede des Propheten Natan nach Davids Ehebruch (2. Sam. 12).

 

Ist das seltsam? Eines von Gottes unergründlichen Geheimnissen? In den biblischen Texten jedenfalls ist es der Normalfall – vielleicht am schönsten in Worte gefasst in diesem Psalm: »Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten«. Und doch: »Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz … und sieh, ob ich auf bösem Wege bin und leite mich auf ewigem Wege« (Ps 139, 16+23-24).

 

Auch wir werden manches auf unserer eigenen »Lebensreise« im Nachhinein als von Gott gefügt verstehen und so dankbar annehmen können. Zugleich aber wissen wir um unsere eigene Verantwortung. Und nehmen auch diese an: »Leite uns auf ewigem Wege!«

 

Mit herzlichem Gruß!

Ihre Pastorin Annegret Mayr

Pfarrerin Annegret Mayr