Angedacht

Sommerzeit ist Reisezeit

In diesem Sommer ist mir ein Lied meiner Jugend neu begegnet, lud mich unvermittelt zu einer Zeitreise ein. Es versetzte mich in die Zeit der Klassenfeten im abgedunkelten Klassenraum, mit Plattenspieler und Vinylplatten. Zum Abschluss gab’s ein Lied, das zum engumschlungenen Schwofen einlud. Vor 50 Jahren war Sailing von Rod Stewart ein Welthit. Für viele ein sehnsuchtsvolles Liebeslied. Wer genau hinhört, entdeckt die Intention des Dichters: Sailing singt von einem Menschen, der die Nähe Gottes sucht. Der Popsong birgt einen Psalm, also ein gesungenes Gebet.

Prädikant Dirk Hermann

»I am sailing. Home again ’cross the sea. I am sailing, stormy waters.« Das Gebet malt das Leben als Segeltörn, mit Rückenwind und Gegenwind, mit stürmischer See und Flaute. Auf diesem Lebens-Segeltörn sehnt sich der Beter nach Hause. Wie auf wilder See wird das Lebensboot durch Schicksalsschläge hin- und hergerissen. Aber der Segler hält Stand.

 

»I am flying. Like a bird ’cross the sky.« Der singende Beter hebt den Blick vom tosenden Meer zum Himmel. Sieht vielleicht eine Möwe, die auch bei schwerem Seegang scheinbar mühelos ihre Kreise zieht. Wer wünscht sich das nicht, einfach abheben und federleicht über den Dingen schweben? Die Probleme, die sich wolkenartig auftürmen, leicht und locker überfliegen oder ohne jeden Widerstand durch sie hindurchfliegen. Das erscheint manchem zu einfach und zu unrealistisch. Mir ist deshalb an dieser Gebetsstrophe wichtig, dass sie zum Perspektivwechsel einlädt. Ich soll aus der Vogelperspektive auf mich und mein Leben schauen, sei es nur für einen kurzen Moment, der aber vieles ändern wird. Doch was, wenn das nicht klappt?

 

»Can you hear me? Through the dark night, far away?« Gott klagend, anklagend, bittend oder flehend in den Ohren zu liegen, kennen wir aus den Psalmen. So betet das Volk Israel seit mehr als 3.000 Jahren. Gerade in den dunklen Tiefen des Lebens suche ich nach Antworten. Ich fordere sie von Gott ein. Viele Menschen, auch ich, leben diese Gewissheit: Ich bin bei Gott geborgen, auch wenn ich durch schwere See muss.

 

»We are sailing stormy waters. Oh my Lord, to be near you, to be free.« Aus dem Ich wird ein Wir. Niemand ist allein unterwegs zu Gott. Christsein ist ein Miteinandersein, du mit anderen Christen, du mit Christus.

 

Sailing ist ein Psalmgebet, das nach Gott ruft. Das Segeln über den Ozean wird zum Bild für die Abenteuerreise durch‘s Leben, windgepeitschte Wogen und rabenschwarze Nächte inklusive. Der Wind in den Segeln ist die Sehnsucht nach Gott, nach dem Einssein mit ihm. Tief in unserer Seele wissen wir um das ursprüngliche Einssein allen Lebens mit Gott. Und dieses Wissen treibt uns an, treibt uns nach vorne, lockt uns heraus, fordert uns heraus, dass wir uns miteinander auf den Weg machen. Auf den Weg zu Gott, zu einem in Gottes Hand geborgenen Leben.

 

Prädikant Dirk Hermann

 

 

Zitate aus dem Lied »I am Sailing« von Rod Stewart