Die Taufschale
Die Taufschale der Siegener Nikolaikirche

Die Taufschale der Nikolaikirche ist ein besonderes Kleinod mit einer höchst ungewöhnlichen Geschichte, die ein Spiegel ist der Irrungen und Wirrungen europäischer Politik und kolonialer Weltsicht. Sie wurde in Peru angefertigt und kam, wie man weiß, im Zusammenhang mit den kolonialen Aufgaben von Johann Moritz nach Siegen. Wie es dazu kam, wird hier erläutert.
Die Taufschale der Nikolaikirche Siegen ist das weltweit einzig bekannte, vollständig erhaltene Exemplar einer peruanische Silberschmiedearbeit aus dem 16. Jahrhundert. Sie wurde im Jahre [1]586 hergestellt, wie eine Prägung in der Schalenwand nahelegt. Der Rand der Schale ist üppig verziert, mit indigenen Motiven, z. B. Lamas und mythischen Fabelwesen, aber auch mit Darstellungen, die auf einen europäischen Einfluss hindeuten. Friedrich Muthmann hat in einer 1956 publizierten Dissertation bereits auf den künstlerischen Wert der Arbeit hingewiesen.[1]
Wie kommt denn nun eine solche peruanische Schale aus dem 16. Jahrhundert als Taufschale in eine nicht international bedeutsame Kirche im fernen Deutschland? Das ist eine lange und verschlungene Geschichte, eine, die ein Beispiel ist für die komplexen Strukturen und Verflechtungen politischer Beziehungen.

Dass die Schale nach Siegen kam, ist Fürst Johann Moritz von Nassau-Siegen (1604 bis 1679) zu verdanken. Johann Moritz wurde am 4. August 1636 zum „Gouverneur, Kapitän und Ober-Admiral“, d. h. zum Statthalter der Niederländisch-Westindischen Kompanie ernannt. Dies war eine Handelsgesellschaft in den von den Niederlanden eroberten Gebieten im heutigen Brasilien. Johann Moritz‘ Aufgabe war es, in den eroberten Gebieten die politischen und wirtschaftlichen Interessen der Kompanie voranzubringen.
Johann Moritz sah darüber hinaus seine Aufgabe auch in einer wissenschaftlichen Erkundung der Gebiete: In seiner Entourage befanden sich neben Naturforschern auch die Künstler Frans Post und Albert Eckhout, die Flora, Fauna und die „Sitten und Gebräuche“ der indigenen Völker dokumentieren sollten, damit sie in Europa gezeigt werden könnten.[2]
Johann Moritz‘ Interessen gingen weit über die rein wirtschaftlich optimierte Verwaltung der Kolonie hinaus. Er ließ auf seinem Verwaltungssitz in Mauritsstad (heute ein Stadtteil von Recife de Pernambuco) eine erste Sternwarte auf dem amerikanischen Kontinent errichten.[3]
Der Graf besaß höchstes Ansehen: Er gewährte den Einwohnern der Region Religionsfreiheit, was auch die dort ansässigen Juden einschloss, und eine Art politischer Mitbestimmung, im Gegensatz zu anderen Kolonialmächten, die ohne Rücksichtnahme ein Kolonialsystem etablierten, das sich auf die Ausbeutung der indigenen Bevölkerung und der von Afrika nach Südamerika verschleppten und verkauften Sklaven stützte. Als Statthalter setzte er sich u. a. für eine „menschliche“ Behandlung der Sklaven ein, denen er auch Unterricht zuteilwerden ließ. [4]
Als Gouverneur der Niederländisch Westindischen Kompanie war er allerdings auch nicht frei von den Machtstrukturen der Kolonialherrschaft der Zeit. So war er auch in Kolonialkriege in Afrika verwickelt. Der Sklavenhandel war damals eine „wirtschaftliche Normalität“, in die afrikanische und europäische “Händler“ verwickelt waren und von dem sie profitierten. So bat König Nkanga a Lukeni a Nzenze a Ntumba, auch unter dem Namen Don Garcia II. von Kongo bekannt, die Niederländisch Westindische Kompanie um Hilfe gegen die Portugiesen. Im Jahr 1641 schalteten sich die Niederländer beispielsweise ein, indem sie die Festungen der Portugiesen in Luanda (Angola) angriffen.[5] Die niederländische Flotte eroberte eine afrikanische Kolonie, um den Nachschub an Sklaven für die Zuckerrohrplantagen und Farmen in Niederländisch Brasilien zu gewährleisten, denn die indigene Bevölkerung war an die schweren Arbeiten nicht gewöhnt. Als zwei Könige aus dem Kongogebiet in Streit gerieten, darunter der bereits genannte Don Garcia II., sandten die beiden Potentaten Gesandtschaften zu Johann Moritz, um diesen in ihrem Streit vermitteln zu lassen.[6]

Man sieht, die Verhältnisse waren verwickelt.
Welche Rolle spielt nun die Schale, die heute Taufschale in der Siegener Nikolaikirche ist? Sie stammt, wie gesagt, aus Peru. Die Portugiesen waren für ihre Silberbergwerke in Peru auf auswärtige Arbeitskräfte angewiesen. Die indigene Bevölkerung galt als „wenig widerstandsfähig“ und war zudem durch Gesetze vor Sklavenarbeit geschützt. Sklaven wurden aus Afrika gekauft. Im Zuge einer solchen „Transaktion“ dürfte das Stück als Bezahlung erstmals über den Atlantik nach Westafrika gelangt sein. [7]
Ein weiteres Mal überquerte die silberne Schale den Atlantik, als sie 1643 von der Gesandtschaft König Garcias II. als Geschenk für Johann Moritz in Recife überreicht wurde. Don Garcia II. ließ Johann Moritz mit einer Gesandtschaft Geschenke zukommen, wie aus einem Brief des afrikanischen Fürsten hervorgeht. Dieser Brief war neben der Siegener Taufschale ebenfalls in der Ausstellung „Slavery“ des Rijksmuseums in Amsterdam 2021 zu sehen.[8]
Alfred Lück zitiert bereits in einem Beitrag aus dem Jahre 1979 aus diesem Brief. Der[an] Brief datiert vom 12. Mai 1642. Der kongolesische König Don Garcia II., im Original „rej dom garcia“ bat darin den Grafen Johann Moritz um Hilfe. Johann Moritz eilte ein besonderer Ruf voraus. Er wird als „weiser, toleranter“ und auch den Indigenen gegenüber, „gerecht urteilender Regent“ beschrieben. Neben der Unterschrift Garcias II. findet sich (auf dem Schreiben) ein Vermerk, laut dem er dem Grafen ein goldenes Halsband und eine große Silberschüssel schenkt. Auf der Rückseite des Schreibens vermerkte Johann Moritz eigenhändig: „Missive [Sendschreiben] von dem Könige von Kongo in Angola ahn Prins Moritz von Naßaw in Brasil beneben einer großen güldenen Kette undt Silbernem Lampet, welches der Kirchen zu Sigen zum Dauffbecken verehrtt hab, vndt zwo hundert Schlaven oder Moren ver Ehrtt, welche ahn die Westindische Compagnie in Brasil verkaufft“.[9]
Nach seiner Entlassung durch die Niederländisch-Westindische Kompanie nahm Johann Moritz die Schale 1644 mit nach Europa. In Frankfurt ließ Fürst Johann Moritz 1658 sie von einem Frankfurter Juwelier vergolden und auf der Vorderseite sein Wappen mit Fürstenkrone (1652 wurde Johann Moritz in den Reichsfürstenstand erhoben), Johanniterkreuz und Elefantenorden am Band anbringen.
Dort erhielt die Schale auch ihren heutigen Fuß mit einer lateinischen Inschrift, die übersetzt lautet: „Johann Moritz, Fürst von Nassau, weiht 1658 dieses Geschenk, das er, als er in Brasilien Regierungsgeschäfte wahrnahm, von einem afrikanischen König im Kongo erhielt, zum Gebrauch bei der heiligen Taufe der reformierten Kirche Siegens“.[10] So wird sie noch heute genutzt: Ihre Geschichte trägt sie in sich.
Dr. Andreas Bingener
Der Evangelischen Lukas-Kirchengemeinde Siegen ist es wichtig, die Geschichte der Schale offen einzuordnen. Die Sklaverei wird dabei als menschenverachtendes System benannt, das der biblischen Zusage der Gottebenbildlichkeit und der gleichen Würde aller Menschen widerspricht.
Als Taufschale steht die Schale heute für diese Zusage. In der Taufe wird der Mensch als „neue Kreatur“ (2. Korinther 5,17) verstanden – angenommen von Gott und nicht bestimmt durch Herkunft oder Vergangenheit.
Das Presbyterium
Fußnoten zum Text:
[1] Friedrich Muthmann: Die silberne Taufschale zu Siegen. Ein Werk aus der spanischen Kolonialzeit Perus, Diss., Heidelberg 1956, (= Abhandlungen der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, 1).
[2] Alfred Lück: Siegerland und Nederland, 2. Aufl., Siegen 1981, S. 104-105. Ders., Pionier eines Kontinents, in: Siegerland. Blätter des Siegerländer Heimat- und Geschichtsvereins 58, 1979, H. 1-2, S. 74-78. Vgl. zu den Aktivitäten der Fürst Johann Moritz begleitenden Maler und Forscher die Ausführungen auf der Homepage des Instituts für Europäische Regionalforschungen (IFER) der Universität Siegen: https://www.uni-siegen.de/ifer/projekte/jm_dt.pdf .
[3] Lück: Siegerland und Nederland, wie Anm. 2, S. 104.
[4] Lück: Siegerland und Nederland, wie Anm. 2, S. 104-105.
[5] Stephanie Archangel: joão caught in the crossfire in dutch brasil, in: Slavery. The story of joão, wally, oopjen, paulus, van bengalen, surapati, sapali, tula, dirk, lohkay from Eveline Sint Nicolaas u. a., Rijksmusem, Amsterdam 2021, S. 63-83, hier: S. 79.
[6] Lück: Siegerland und Nederland, wie Anm. 2, S. 105.
[7] Muthmann, Taufschale, wie Anm. 1, S. 65-68; Lück: Siegerland und Nederland, wie Anm. 2, S. 104-105.
[8] Archangel, joão caught in the crossfire, wie Anm. 5, S. 82 u. 342; der Brief befindet sich im Hessischen Landesarchiv, Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Bestand 171, Z 4305.
[9] Alfred Lück: Johann Moritz Fürst zu Nassau-Siegen als Landesherr in seinem eigenen Territorium, in: Siegerland. Blätter des Siegerländer Heimat- und Geschichtsvereins 58, 1979, H. 1-2, S. 40-52, hier S. 49, Zitate.
[10] Cornelius Neutsch: Das „Krönchen“ auf der Nikolaikirche und Fürst Johann Moritz von Nassau-Siegen (1604-1679), in: Evangelische Nikolai-Kirchengemeinde Siegen (Hg.): Mitten in der Stadt und bei den Menschen. 700 Jahre Nikolaikirche in Siegen, 1317-2017. Mit Beiträgen von Andreas Bingener, Anne-Christin Brahms, Stefan Kober, Stefan König, Ulf Lückel, Cornelius Neutsch, Walter Thiemann † und Friedrich Weber, (= Beiträge zur Geschichte der Stadt Siegen und des Siegerlandes, Bd. 27), Siegen 2017, S. 44-62, hier S. 53-55, Zitat.
Fotos: Stefan König
